Wie poliere ich meine Frontscheibe und kann ich Kratzer im Glas entfernen?

Die Frontscheibe ist neben der Frontstoßstange und der Motorhaube die am meisten beanspruchte Oberfläche am Fahrzeug. Hier wirken bei guter Fahrleistung tausendfach Insekten, kiloweise Straßenschmutz und auch Unmengen an Regenwasser bzw. Schnee ein und verursachen dabei eine enorme mechanische Belastung. Die Folgen sind neben der dauerhaften Verschmutzung auch direkte Schäden in Form von Stein- und Staubeinschlag aber auch indirekte Schaden in Form von Kratzern durch mangelhafte Reinigungstechnik, nach Scheibenwischerbewegung auf Front- Und Rückscheibe oder Absenken der Seitenscheiben im verdreckten Zustand.

Es ist daher nicht überraschend, dass sehr häufig die Frage nach den verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten entsteht. Wie beim Lack geht es meist darum, die Kratzer von der Frontscheibe zu entfernen und genau wie beim Lack lautet der naheliegendste Ansatz im Polieren der Glasoberfläche.

Die Glasoberfläche ist mit einer MOHS-Härte von 7 mindestens zweimal härter als Autolacke (kleiner-gleich 3 MOHS) und kann mit gebräuchlichen Lackpolituren oder Pads nicht mehr effektiv behandelt werden. Aus diesem Grund gibt es spezielle Glaspolituren, welche auf sehr harten Ceriumoxid-Schleifkörnern basieren und erst in Verbindung mit speziellen Viskosefilz-Pads einen kratzerfreien mechanischen Abtrag auf einer Glasoberfläche ermöglichen. Für genauer Informationen zu Glaspolitur und Viskosepad verweisen wir gern auf die entsprechenden Glossar-Einträge.

Stellt euch schon mal darauf ein, dass die mit dem Fingernagel ertastbaren Kratzer und Steinschlagschäden bereits zu tief für die Korrektur sind und höchstens leicht geglättet werden können. Auch mit den speziellen Mitteln benötigt eine der Kratzerbeseitigungsprozedur je nach Tiefe einige Stunden und ist im privaten Bereich daher nicht praktikabel. Der Haupteinsatzgebiet der Glaspolituren liegt daher in der intensiven Scheibenreinigung und Swirlbeseitigung vor dem Auftrag von Glasversiegelungen.

Kalkflecken und Glaskorrosion

Die Scheiben der nicht überdachten Fahrzeuge sind einer ständigen Einwirkung von (saurem) Regen und Feuchtigkeit ausgesetzt. Durch Miteinwirkung von Schmutz, Salze und anderer chemischen Belastungen fangen die Gläser an hartnäckige mineralische Ablagerungen aufzubauen oder sogar korrodieren. Im Normalfall sind sowohl die Ablagerungen aber Microkorrosonen sehr oberflächlich und harmlos. Die meisten Besitzer nehmen diese nicht mal wahr, aber spätestens bei der Reinigung der Seitenscheiben kann man beim Auswischen des Glasreiniger unregelmäßige fleckige Strukturen auf der Glasoberfläche beobachten.

glaskorrosion
Ablagerungen auf einer Glasscheibe durch dauerhafte Regenwasser-Einwirkung – erkennbar nach der Reinigung durch ungleichmäßige Trockung

Die anfänglichen Glaskorrosionen kann man mit Verwitterungen der Glasoberfläche auf mikroskopischer Ebene vergleichen. Die Ablagerungen sind oftmals diverse Calziumverbindungen, welche zunächst auf der Oberfläche nur locker anhaften, später durch Ionentausch sogar die Glaskorrosion begünstigen können. Beides lässt sich nicht mehr mit einem Glasreiniger und Microfasertuch entfernen und genau hier kommt die Glaspolitur zum Einsatz. Es reicht bereits ein Filzapplikator und etwas Glaspolitur – einige Wischbewegungen unter moderatem Druck und die Glasoberfläche wird nicht nur komplett von den sämtlichen Anhaftungen und Unregelmäßigkeiten befreit, sondern bekommt wasseranziehende Eigenschaften – man spricht dabei von Hydrophilie.

hydrophile-eigenschaften-glas

Die behandelte Oberfläche wird sehr glatt, ist frei von sämtlichen Ablagerungen sowie mikrofoskopischen Unregelmäßigkeiten und das Wasser bildet einen dünnen, lückenlosen Film aus (hydrophiler Effekt). Dieser Oberflächenzustand ist die Mindestvoraussetzung für eine gute Bindung der Glasversiegelung mit der Glasoberfläche.

Manuelles Polieren der Glasoberflächen

Wie bereits erwähnt, benötigen wir für den manuellen Poliervorgang lediglich einen Filz bzw. Viskose-Applikator (Schwämme gehen nicht) und etwas an Glaspolitur. Bei einem sauberen Applikator sollte die Filzoberfläche zunächst gleichmässig mit Glaspolitur „vorgenässt“ werden, dann wird mit moderatem Druck poliert. Ob ihr den Applikator in Kreuzstrichmuster oder kreisenden Bewegungen führt ist dabei absolut Banane 😉

glaspolitur-filzpolitur

Ihr braucht den Druck aus Effizienzgründen. Da die Filzauflage sich nicht stauchen lässt (zum Glück), gibt diese den Anpressdruck an die Auflagefläche zwischen der Politur und der Glasoberfläche. Ab hier arbeitet die Reibung für uns und ihr werdet sicherlich merken, wie schnell die verfügbare Feuchtigkeit verdunstet.

Irgendwann wird der Widerstand beim Bewegen des Applikators immer größer. Häufig ist dies der Punkt, an dem die Glasoberfläche bereits sehr rein und glatt ist. Der erhöhte Widerstand ergibt sich aus der größeren Kontaktfläche der Politur zu dem Glass. Bei Swirls (Mikrokratzer) muss man weiter polieren. Die Wasser-Zugabe in Sprühform hilft dabei enorm.

Die Beseitigung der echten Kratzer im manuellem Polierverfahren ist eine fast aussichtslose Angelegenheit. Ihr könnt höchstens versuchen, den Kratzer durch Polieren zu glätten und somit optisch zu kaschieren. Dafür arbeitet mit viel Druck entlang des Kratzerverlaufs.

Produktempfehlungen für manuelles Polieren der Glasoberflächen

Maschinelles Polieren der Glasoberflächen

Wenn Ihr eine Poliermaschine besitzt, solltet ihr die größere Flächen, mindestens die Front- und Heckscheibe mit der Maschine abfahren. Auf den bereits genannten Gründen könnt ihr bei dem Glas nie zuviel Polierleistung haben. Beim Glas sind die Rotationpolierer klar im Vorteil – natürlich, wie beim Lack, erzeugt eine rotative Bewegung um Faktoren höhere Abtragleistung und davon könnt ihr beim Glas nie genug haben.

Ihr braucht euch keine Sorgen über Hologramme und ähnliches zu machen. Die frei erhältlichen Polituren besitzen fast alle sehr feine Schleifpartikel – eine Ausnahme bildet die CompoundZ-Glaspolitur von Soft99. Diese ist so scharf, dass wir sogar beim manuellen Einsatz ohne kreisende Bewegungen Hologramme in die Glasoberfläche zaubern konnten. Aus diesem Grund empfehlen wir die Politur für maschinellen Einsatz höchstens als Step 1 mit anschließendem Finish (Step 2)

Bevor es losgeht sollten wir die Fahrzeugpartien um die behandelte Oberfläche vollständig abkleben. Denn die Glaspolituren sind relativ dünnflüssig, durch rotative oder schnelle Exzenterbewegungen kann es zu sehr starken Spritzwirkung kommen. Einmal getrocknet, sind die Glaspolituren nur noch mit Wasser oder IPA zu entfernen. Es ist keine Tragödie, aber es nervt tierisch.

Heckscheibe vor dem Polieren abkleben

Für den Poliervorgang benötigen wir spezielle Viskosefilz-Pads und Glaspolitur. Auch hierbei bei sauberen Polierpads diese zunächst gleichmässig mit Politur „leicht durchtränken“. Die Viskosepads besitzen keine Druckausgleichmöglichkeit und können sich daher den Oberflächenverläufen nicht anpassen. Daher ist es empfehlenswert bereits bei moderaten Krümmungen der Glasoberfläche mit kleinen Pads (75-80mm) zu arbeiten.

Die Geschwindigkeit der Poliermaschine sollte nicht zu hoch gewählt werden, Stufe 2-3 für den Anfang ist vollkommen ok. Wir fangen in einem beliebigen Bereich und arbeiten uns in geraden Bahnen durch die Scheibe.

Sobald das Polierpad keinen sichtbaren Politur-Schleier hinterlässt, bedeutet dies NICHT, dass die Politur verbraucht ist, sondern dass die Feuchtigkeit fehlt. Hier beim Nachspritzen sehr sparsam(!) vorgehen. Zuviel Wasser bzw. Pad Prime erhöht die Spritzer-Gefahr schlagartig. Die Best Practice ist, die Scheibe dünn zu benetzen und die Feuchtigkeit beim Führen der Maschine nach und nach einzusammeln.

Je trockener das Viskosepad und Glaspolitur, um so höher die Polierwirkung, aber auch höhere Reibung und Oberflächentemperaturen entstehen. Insbesondere beim Einsatz der Rotationsmaschinen mit fokussierter Kratzerbehandlung (lange draufhalten, wenig Bewegung) können schnell Hot Spots entstehen, welche im Ernstfall zu Glassprung durch Temperaturunterschiede führen können.

Wenn ihr mit der Maschine irgendwo nicht rankommt, so könnt ihr das Viskosepad entweder direkt in die Hand nehmen oder zusammen mit dem abmontierten Stützteller (als Puck) verwenden und schwer erreichbaren Bereiche so zu behandeln. ogischerweise ist die Polierwirkung nicht mit der von Poliermaschine vergleichbar, aber ihr erreicht eine akzeptable Glasreinigung.

Wir bereits erwähnt, macht die Entfernung der getrockneten Glaspolitur keinen Spaß. Daher solltet Ihr versuchen, die Oberfläche vor dem Beenden des Poliervorgangs mit einem „ausgetrocknetem“ Pad im Schnelldurchgang ein letztes Mal abzufahren. Auf diese Weise wird sehr viel Politur von der Scheibe gelöst und die anschließende gründliche Reinigung vor dem Auftrag der Versiegelung vereinfacht. Dennoch könnt ihr immer ein feuchtes Microfasertuch nehmen und damit die Politur wegputzen.

Spätestens vor der Versiegelung sollte die Scheibe ein letztes Mal mit einem IPA-Mittel und einem Glastuch vorgereinigt werden. Dabei wird die Glasoberfläche wirklich rein und ist nun bereit für die Versiegelung.

Wundert euch nicht, wenn die ganzen Steinschlag-Schäden nach der gründlichen Reinigung plötzlich sichtbar weiß „leuchten“. Das ist normal und passiert, weil die Politur sich in den Mikrorissen ablagert. Die Punkte sind nur im ersten Moment stark auffällig, schließlich inspiziert man die Glasoberfläche sehr genau. Versucht auch nicht, diese herauszuputzen oder mit spitzen Gegenständen herauszukratzen. Ein Paar Tage später wird die Politur durch Regen und sonstigen Kontakt mit Feuchtigkeit schnell ausgewaschen.

Produktempfehlungen für die maschinelles Polieren der Glasoberflächen

Das war die Anleitung zu intensiven Scheibenpflege mit Glaspolitur. Bei Fragen, Ergänzungen und Kritik schreibt diese in die Kommentare, ansonsten wünschen wir viel Spass beim Nachmachen 😉

Glasoberflächen polieren & Kratzer aus Frontscheibe entfernen
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5 Gedanken zu „Glasoberflächen polieren & Kratzer aus Frontscheibe entfernen

  • Oktober 11, 2018 um 7:56 am
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    Ich glaube, dass die Scheibenwischerbewegung auf Front- Und Rückscheibe meines Autos haben dem Glas Kratzen verursacht. Ich wollte den Wagen zu einem Autospengler bringen, weil er neu ist und das einfach nicht mehr schön aussieht. Danke für den Artikel, jetzt bin ich beruhigt und weiß, dass die Kratzen entfernt werden können ohne das Glas zu entfernen.

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  • April 19, 2018 um 11:08 am
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    Müsste ich auch mal machen bei meinen Scheiben. Da hilft mir der Bericht schon mal weiter. Habe an der Seitenscheibe relativ tiefe Kratzer, vielleicht wird es mit Soft99 Compond Z zumindest etwas besser.

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  • Dezember 23, 2017 um 9:29 pm
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    Hallo,

    danke Euch beiden für die Blumen.

    Alle von uns bisher getestete Glaspolituren unterscheiden sich tatsächlich in der Abrasivität. Sonax haben wir erst vor kurzem auf Kundenwunsch aufgenommen. Die Test und Einordnung der Leistung stehen daher noch aus.

    Die Reihenfolge bisher (grob->fein): Soft99 Compound Z -> Carpro Ceriglass -> Nanolex Glass Polish.

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  • Dezember 23, 2017 um 8:31 pm
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    Sehr gute Anleitung!

    Eine Frage: Wie ist die Sonax Profiline Glaspolitur im Vergleich zur abgeführten von CarPro?

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